Wenn Klimaanlagen auf Atomenergie treffen
Die Dürre an Rhein und Donau entlarvt einen alten Mythos: fossile Energien sind keineswegs wetterfest. Ausgerechnet in der Hitze, wenn der Stromverbrauch steigt, fehlt das Kühlwasser. Photovoltaik liefert dagegen genau dann besonders viel Strom.
In Rumänien wurde Ende Juli ein Reaktor des Atomkraftwerks Cernavodă abgeschaltet. Ursache war der extrem niedrige Wasserstand der Donau. Um den verbliebenen Reaktor weiter kühlen zu können, wurden Felsen aus einem Seitenarm des Flusses gesprengt und Schiffe versenkt, um Wasser zum Kühlkanal umzuleiten.
In Ungarn brach gleichzeitig die Leistung des Atomkraftwerks Paks massiv ein. Das Kraftwerk liefert normalerweise fast die Hälfte des ungarischen Stroms. Wegen des niedrigen Donaupegels lief zeitweise nur noch eine von vier Turbinen.
Auch Bulgarien ist gefährdet. Das Atomkraftwerk Kosloduj produziert zwar noch planmäßig, doch wegen der anhaltenden Dürre wurde bereits ein Krisenstab eingesetzt.
Fossile Energien sind wetterabhängig
Fossile Kraftwerke, egal ob Atom-, Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerke, sind riesige Dampfmaschinen. Nur etwa ein Drittel der erzeugten Wärme wird zu Strom. Die zwei Drittel Restwärme müssen mithilfe gewaltiger Wassermengen entsorgt werden.
Fehlt das Wasser oder ist es zu warm, müssen die Reaktoren gedrosselt oder abgeschaltet werden. Frankreich kennt dieses Problem seit Jahren. Dort wird die Leistung von Atomkraftwerken reduziert, wenn Rhône, Loire oder Garonne zu warm werden – auch, um die Fische und das übrige Leben in den Flüssen zu schützen.
Denn die niedrigen Wasserstände sind nicht nur ein Problem für Kraftwerksbetreiber, sondern für alles Leben im Fluss. Weniger und wärmeres Wasser enthält weniger Sauerstoff. Das eingeleitete Kühlwasser heizt den Fluss zusätzlich auf. Aquarianer wissen: Schon bei Temperaturen um 30 Grad wird es selbst für viele Tropenfische kritisch. 35 Grad überleben die wenigsten lange. Für die an kühlere Flüsse angepassten Arten in der Donau sind solche Temperaturen ein Todesurteil.
In Ungarn darf das Wasser unterhalb des Atomkraftwerks Paks eigentlich nicht wärmer als 30 Grad werden. Doch statt den Reaktor konsequent herunterzufahren, werden für das Kraftwerk Ausnahmen von den Umweltvorgaben erteilt. In Rumänien darf das Kühlwasser nach der Vermischung sogar Temperaturen von bis zu 35 Grad erreichen.
In Frankreich wird das Atomkraftwerk zum Schutz des Flusses gedrosselt. An der Donau werden die Grenzen notfalls dem Strombedarf angepasst. Die Fische können schließlich keinen Krisenstab einberufen.
Die Sonne liefert, wenn Kühlung gebraucht wird
Natürlich ist auch Photovoltaik wetterabhängig. Doch ihre Wetterabhängigkeit passt im Sommer sehr gut zum Bedarf: Bei sonnigen Hitzelagen erzeugen Solaranlagen besonders viel Strom – genau dann, wenn Klimaanlagen, Kühlhäuser und Kälteanlagen auf Hochtouren laufen müssen.
Photovoltaik benötigt im Betrieb kein Kühlwasser. Sie ist dezentral und schnell zu errichten. Fällt eine Anlage aus, fehlen einige Kilowatt. Fällt ein Atomreaktor aus, fehlen auf einen Schlag hunderte Megawatt.
Die aktuelle Krise zeigt, wie gefährlich es ist, Versorgungssicherheit mit wenigen riesigen Kraftwerken zu verwechseln, auch wenn es in Deutschland Gas- statt Atomkraftwerke sein sollen.
Wir brauchen mehr Photovoltaik, Speicher, flexible Verbraucher und leistungsfähige Netze. Und wir brauchen Millionen Bürgerinnen und Bürger, Kommunen und Unternehmen, die selbst Strom erzeugen.
Wer Atomkraft als wetterfeste Zukunftstechnologie verkauft und gleichzeitig die Bürgerphotovoltaik ausbremst, betreibt Energiepolitik gegen die Physik.
Wenn Klimaanlagen auf Atomenergie treffen, geht dem Atomkraftwerk das Wasser aus, wenn die Menschen die Kühlung am nötigsten bräuchten. Die Photovoltaikanlage läuft gerade dann am besten.