Energy Sharing: Die Zukunft der Solarstromvermarktung
Im Jahr 2025 gab es in Deutschland 574 Stunden mit negativen Strompreisen an der Börse. An manchen Sommertagen fielen bis zu 90 Prozent des erzeugten Solarstroms in diese Phasen. Für Anlagenbetreiber bedeutet das: Der Strom ist zwar vorhanden, lässt sich aber nicht wirtschaftlich vermarkten. Eine naheliegende Lösung ist Energy Sharing.
Die Idee ist einfach: Anstatt den Strom über die Börse zu verschleudern, fließt er direkt zum Nachbarn, ins Gewerbe nebenan oder zur Kommune. Dabei wird das öffentliche Netz nur als Transportweg genutzt, nicht als Handelsplatz. So profitieren Erzeuger und Verbraucher gleichermaßen, und die Wertschöpfung bleibt in der Region.
Damit Energy Sharing funktioniert, sind allerdings zwei Voraussetzungen nötig: Zum einen müssen Smart Meter den Stromfluss in Echtzeit erfassen können und zum anderen muss das öffentliche Netz in gutem Zustand sein. Die Finanzierung dieser Infrastruktur sollte gesamtgesellschaftlich erfolgen, so wie es bei Straßen, Brücken oder dem Schienennetz der Fall ist. Denn ein leistungsfähiges Stromnetz ist die Grundlage für eine dezentrale Energiewende.
Neue Ausrichtungen werden rentabel
Durch Energy Sharing und den steigenden Eigenverbrauch vor Ort verändern sich auch die Anforderungen an die Anlagenplanung. Die klassische Südausrichtung auf dem Dach ist nicht mehr automatisch die beste Wahl. Fassadenanlagen nach Südost und Südwest, Solarzäune oder Ost-West-Dächer liefern Strom dann, wenn er gebraucht wird: morgens und abends, wenn die Mittagsspitze längst vorbei ist.
Ein Beispiel ist die Photovoltaik-Fassade am Marburger Bahnhofsplatz, ein Bürgersonnenkraftwerk des Vereins. Die 55-kWp-Anlage mit maßgefertigten, gebogenen Glas-Glas-Modulen umhüllt die Südost- und Südwestfassade des Radiologischen Zentrums. Im Winter war sie die ertragsstärkste Anlage des Vereins, denn während flache Dachanlagen bei tiefstehender Sonne kaum noch Ertrag bringen, fängt die steile Fassade die Strahlung optimal ein. Der erzeugte Strom versorgt direkt die stromhungrigen MRT- und CT-Geräte im Gebäude.
Speicher als Ergänzung
Natürlich spielt auch der Batteriespeicher eine wichtige Rolle. Er puffert Erzeugungsspitzen und macht den Solarstrom auch dann verfügbar, wenn die Sonne nicht scheint. In Kombination mit Energy Sharing entsteht so ein lokales Energiesystem, das weitgehend unabhängig von Börsenpreisen funktioniert.
Die Sonneninitiative setzt deshalb konsequent auf Anlagen mit hohem Eigenverbrauch, sei es auf Supermärkten, in Gewerbegebieten oder als Mieterstrom in Wohnquartieren. Energy Sharing könnte dieses Modell auf die nächste Stufe heben und Solarstrom für alle direkt aus der Nachbarschaft ermöglichen.