Eine Solaranlage steckt die Nachbarschaft an
Eine Solaranlage erzeugt nicht nur Strom. Sie wirkt offenbar auch auf die Menschen in ihrer Umgebung. Das zeigt eine Untersuchung von Patrick Bigler (Universität Lausanne) und Benedikt Janzen (Universität Passau), die im Journal of Public Economics erschienen ist. Die beiden Wissenschaftler haben Daten von mehr als 260.000 Haushalten im Schweizer Kanton Bern aus den Jahren 2008 bis 2019 ausgewertet: Solaranlagen, Stromverbrauch und Autobesitz, dazu Angaben zu Einkommen, Gebäuden und zur Eignung der Dächer für Photovoltaik.
Je näher, desto stärker
Kommt in 100 Metern Entfernung eine weitere Solaranlage hinzu, verändert sich das Verhalten eines Haushalts messbar:
Die Wahrscheinlichkeit für eine eigene Solaranlage steigt um rund 2 Prozent.
Die Wahrscheinlichkeit für die Anschaffung eines Elektroautos steigt um rund 2,3 Prozent.
Der jährliche Stromverbrauch sinkt um rund 0,21 Prozent, im Schnitt um etwa elf Kilowattstunden.
Steht die neue Anlage nur zehn Meter entfernt, fallen die Effekte etwa zehnmal so groß aus. Die Wahrscheinlichkeit einer eigenen PV-Anlage steigt dann um rund 20 Prozent, beim Elektroauto um rund 23 Prozent. Der Stromverbrauch sinkt um etwa 2,1 Prozent. Mit wachsender Entfernung nehmen die Effekte schnell ab.
Damit nicht einfach die Zusammensetzung eines Viertels gemessen wird, also etwa ohnehin besonders umweltbewusste oder wohlhabende Bewohnerinnen und Bewohner, haben die Forscher mehrere Faktoren kombiniert: die bekannte Solareignung von Millionen Dachflächen, die über die Jahre gesunkenen Anlagenpreise sowie Einkommen, Alter, Haushaltsgröße, Wohneigentum, Gebäudetyp und lokale Strompreise.
Vorbild, Gespräch, Erfahrung
Warum Nachbarn reagieren, lässt sich nicht abschließend belegen. Benedikt Janzen vermutet, dass soziale Normen eine zentrale Rolle spielen: Wer die Installation beim Nachbarn sieht, versteht sie als Beitrag zum Klimaschutz und möchte selbst etwas beitragen. Genauso können Gespräche über den Gartenzaun und eigene Beobachtungen eine Rolle spielen. Funktioniert die Technik? Wie aufwendig ist die Installation? Lohnt sich das? Eine Anlage in der Nähe liefert darauf ganz praktische Antworten.
In einer Simulation haben die Autoren außerdem hochgerechnet, was das über viele Haushalte bedeutet. Eine neue Solaranlage führt demnach im Median rechnerisch zu 0,07 weiteren Solaranlagen, 0,05 zusätzlichen Elektroautos und rund 3,7 Megawattstunden weniger Stromverbrauch pro Jahr in der Nachbarschaft. Rechnet man diese Effekte ein, steigt das Maß für den gesellschaftlichen Nutzen der untersuchten Solarförderung um rund 17 Prozent.
Nicht jeder kann aufs eigene Dach
Am deutlichsten fiel der Effekt auf neue PV-Anlagen bei Hauseigentümerinnen und -eigentümern sowie in Einfamilienhäusern aus. Mieterinnen und Mieter können meist keine eigene Anlage bauen. Sie reagierten eher, indem sie Strom sparten. In ländlichen Gebieten waren mehrere Effekte besonders ausgeprägt.
Genau hier setzen Bürgersonnenkraftwerke an. Wer kein eigenes geeignetes Dach hat, kann trotzdem eigene Photovoltaik-Module auf einem Dach in der Region erwerben und so selbst an der Energiewende mitwirken. Und jede Anlage auf einer Schule, einer Halle oder einem Betriebsgebäude ist für viele Menschen sichtbar. Sie zeigt im Alltag, dass Solarstrom vor Ort funktioniert.
Ein Ergebnis mit Grenzen und eine Einladung
Die Daten stammen aus dem Kanton Bern und aus den Jahren 2008 bis 2019. Eins zu eins auf Deutschland übertragen lassen sie sich nicht. Ein Muster ist aber deutlich: Solaranlagen wirken über das eigene Grundstück hinaus.
Für die Sonneninitiative e.V., die seit fast 25 Jahren Solaranlagen auf Dächern umsetzt, ist das ein weiterer guter Grund, die Energiewende sichtbar in die Nachbarschaft zu bringen. Sie haben ein geeignetes Dach oder möchten bei einem Bürgersonnenkraftwerk mitmachen? Dann melden Sie sich gerne bei uns: [bitte ergänzen: Kontakt/Link].
Quelle: Universität Passau; Bigler, P. & Janzen, B., Journal of Public Economics (2026)